Vision

Dr. Andreas Kaufmann hat eine Passion für Leica — und für Uhren. Hier beschreibt er, wie die Idee der Leica Uhr Gestalt annahm.

Herr Dr. Kaufmann, was steht hinter der Idee, dass Leica jetzt Uhren herstellt?

Die Idee, eine mechanische Uhr herzustellen, gibt es bereits länger; insbesondere als die Zeit der Quarzuhren langsam schon wieder zu Ende ging, Ende der 80iger, Anfang der 90iger, wurde darüber nachgedacht. Im Lizenzabkommen von 1996, in dem Leica für 99 Jahre die Markenrechte erhielt, ist klar definiert, welche Produkte man herstellen darf. Und an zweiter Stelle steht dort „Uhren“.

Wenn man sich anschaut, wie der Messsucher bei der M aufgebaut ist, der aus weit über hundert Teilen besteht – dann hat man es dort fast mit der Kleinheit eines Uhrwerks zu tun. Sollte Leica eine Uhr fertigen, dann war die Bedingung immer, dass das Uhrwerk mechanisch und etwas Besonderes sein müsste. Es ist die Verbindung zur Mechanik, für die Leica ganz besonders steht.

Und irgendwann – es muss 2012 gewesen sein – habe ich mich entschlossen: „Daraus machen wir jetzt einmal etwas.“ Wir haben dann erste Gespräche mit verschiedenen Herstellern geführt, darunter mit Hanhart, einer kleinen deutschen Marke mit Sitz im Schwarzwald. Der Designer Achim Heine hatte damals bereits ein Moodboard für eine Leica Uhr gebaut, die auf einem Hanhart-Werk basieren sollte.

Sie hatten damals also noch nicht vor, ein eigenes Uhrwerk zu bauen?

Nein, zunächst ging es um etwas Besonderes. Hanhart hatte einige ältere Werke im Repertoire, die man hinsichtlich der Bedürfnisse von Leica hätte modifizieren können, aber aus unterschiedlichen Gründen wurde daraus nichts.

Wir hatten auch ein Gespräch mit dem Gründer von Chronoswiss, Gerd-Rüdiger Lang. Er hat als deutscher Uhrmacher einige der Dinge durchgesetzt, die heute in höherwertigen Uhren üblich sind. Von ihm stammt zum Beispiel die Idee mit dem Glasboden, Lang hat als Erster die Wahrnehmung des Uhrwerks selbst geweckt. Von ihm stammen auch die etwas größeren Kronen, die er von alten Taschenuhren abgeleitet hatte.

Auch mit Chronoswiss hat sich letztlich keine Zusammenarbeit ergeben, aber schließlich konnten wir doch ein Netzwerk von Partnern knüpfen, von dem wir uns vorstellen konnten, mit ihm ein Uhrwerk zu fertigen. Da ist zum einen der Designer Achim Heine, den ich sehr schätze. Er hat 1999 die neue Designsprache und CI von Leica in die Wege geleitet und war bis 2008 einer der Hauptdesigner im Unternehmen. Er hatte sich aber auch schon mit Uhren beschäftigt. Da ist zum anderen Reinhard Meis, ein Konstrukteur von A. Lange & Söhne, der damals schon im Ruhestand war, und da ist die Lehmann Präzision GmbH aus dem Schwarzwald. Daraus entstand ein kreatives Gebilde, das die Leica Uhr entwickelt hat. Aber das hat sich hingezogen, denn ein neues Uhrwerk zu entwickeln, ist eine mühevolle Arbeit.

Man entwickelt ein Uhrwerk nicht einfach mal so, aber im Laufe der Zeit hatten wir schliesslich die richtige Gruppierung gefunden.

Das heißt, bei dem Uhrwerk handelt es sich um eine komplette Eigenentwicklung?

Vollständig! Das gab es in dieser Form bisher nicht. Das Werk fertigt Lehmann für Leica und wir finalisieren es in Wetzlar in den Ernst-Leitz-Werkstätten. Das ist eine komplizierte und kostspielige Geschichte. Normalerweise entwickelt man ein Uhrwerk nicht einfach mal so, aber wir hatten im Laufe der Zeit tatsächlich die richtige Gruppierung gefunden. Ich habe immer gesagt „eine Leica-Uhr muss von oben kommen“. Wenn eine mechanische Uhr ein Pendant zur M sein will, dann muss sie etwas Eigenes darstellen und aufweisen. Ich denke, das haben wir hinbekommen.

Die Entwicklung eines eigenen Werkes ist also weniger Wunsch als Notwendigkeit gewesen?

Aus Markt-Gesichtspunkten war es eine Notwendigkeit. Es gibt wunderbare Massenwerke von der Firma ETA, aber dort schwebt das Damokles-Schwert, dass die Swatch-Gruppe, zu der ETA gehört, gesagt hat, dass sie ab einem bestimmten Zeitpunkt die Belieferung von Firmen, die die Werke umbauen, einstellen will. ETA hat eine Marktbeherrschung von etwa 70 bis 80 Prozent. Eine andere Firma wäre Sellita. Auch aus der Seiko-Gruppe gibt es einiges, was preisgünstig zu haben ist. Es gibt wunderbare, haltbare, millionenfach hergestellte Industriewerke. Aber wir haben gesagt, es muss etwas Eigenes sein. Und das ist jetzt das Ergebnis.

In welcher Klasse ist das Uhrwerk denn angesiedelt, ist es einer Chronometerprüfung unterzogen worden?

Das Leica Uhrwerk ist in der höchsten Klasse angesiedelt, die Chronometerprüfung können wir aber erst durchführen, wenn wir entschieden haben, uns entweder den Schweizer oder den deutschen Chronometerregeln zu unterwerfen. Das Uhrwerk selbst ist extrem kompliziert, extrem schwierig und extrem teuer. Das einfachste Modell der Leica Uhr wird nicht unter 10 000 Euro zu haben sein. Und in Gold geht es natürlich noch weiter nach oben.

Der Anspruch ist also, mit den Großen mithalten zu können?

Ja, das ist der Anspruch und wir denken, das wird auch funktionieren. Nicht in der Menge, aber in der Qualität. Wir haben die richtigen Partner dafür und wir werden natürlich auch einen entsprechenden Kundenservice, ebenfalls in Wetzlar, aufbauen.

die Designzitate aus der Leica Kamerawelt sind kein Selbstzweck, sondern sie ergeben einen Sinn, sie haben Funktionalität.

Was kann man über das Design sagen? Wie man hört, war das ein ziemlich schwieriger Prozess, der immer bei der Bahnhofsuhr gelandet ist.

Für die ersten Uhren haben wir uns für ein sehr klassisches deutsches Design entschieden. Wir haben in diesem Zusammenhang immer sehr engagiert mit Achim Heine gestaltet. Es ist dann letztlich um Millimeter gegangen. Um Proportionen, wie positionieren wir diesen kleinen Kreis für die Sekunde richtig? Was machen wir mit der Schrift? Der Grundentwurf war klar, aber dann ging es los. Wir haben hier in Deutschland zum Beispiel das sehr respektierte Design von Nomos, eigentlich ein sehr reduziertes Bauhaus. Wir glaubten da eher eine mittlere Linie vertreten zu können. Das passt auch zu Leica, wenn man diese Verbindung etwa zur M sieht.

Das war ja offenbar auch wesentlich: Designelemente aus dem Kamerabau auf die Uhr zu übertragen.

Darüber haben wir lange mit Achim Heine gesprochen. Und er hat sich lange hineingedacht. Wir haben schließlich vier, fünf Elemente gefunden, die man interpretativ verwenden kann. Wir haben vermieden, einen roten Punkt zu platzieren. Der einzige rote Punkt entsteht durch den Drücker – aber das ist ja der nicht der „normale“ Zustand. Wenn man drückt, ist er da, wenn man wieder drückt, ist er wieder weg. Warum? Weil bei einer Uhr ein roter Punkt nicht funktioniert, denn eine Uhr ist, wenn man es richtig macht, etwas sehr Symmetrisches – etwas Symmetrisches mit ein paar Proportionsüberlegungen. Und der rote Punkt stört. Aber wir bringen Rot in der Krone unter, in der ein kleiner Rubin steckt. So taucht der rote Leica Punkt dort in gewisser Weise als Zitat auf. Und bei der kleinen Sekunde eben ein wenig.

Woher nimmt der Name Leica bei der Uhr seine Berechtigung? Unterstreichen die Elemente aus dem Kameradesign die Verwandtschaft von Kamera und Uhr?

Jein, es gibt bei Leica eine Formensprache, die geht noch auf Ludwig Leitz II, der 1939 Leiter der Forschungs- und Entwicklungsabteilung wurde, zurück. Und auf Heinrich Janke, den Vater des roten Punkts, den Ludwig Leitz in den frühen 50ern eingestellt hatte. Das waren die berühmten M-Designer, die später auch die Leicaflex, die Leicaflex SL und den Pradovit schufen.

Ich habe kürzlich Heinrich Jankes Designbuch erhalten. Liest man es durch, versteht man plötzlich, was Leica anders gemacht hat. Dort sind die Methoden beschrieben, wie man bei Leica zu den Proportionen kommt. Man hat sie von der menschlichen Gestalt, vom menschlichen Kopf abgeleitet. Die Designer haben Proportionsraster entwickelt und geschaut, wie sind eigentlich die Proportionen des Menschen strukturiert. Das heißt, wenn ich auf Dinge von Leica schaue, dann sehe ich Proportionen, die einerseits aus einem technischen, andererseits aus einem humanen Design kommen.

Ich glaube, man fährt nicht schlecht damit, wenn man diese Prinzipien übernimmt, um sie auf etwas anderes zu übertragen. So gesehen schadet es sicherlich nicht, zwischen Uhr und Kamera eine gewisse Verwandtschaft herzustellen. Wenn Sie sich zum Beispiel den Leicameter ansehen, den aufsteckbaren Belichtungsmesser für die M3, dann finden Sie dort die Idee für die Anzeige der Gangreserve, die anders läuft als üblich. Uhrmacherisch war das extrem schwierig. Das ist eine ungewöhnliche Schiebeanzeige von schwarz nach weiß. Aber die Designzitate aus der Leica Kamerawelt sind nie Selbstzweck, sondern sie haben einen Sinn, eine Funktionalität.

Können Sie uns etwas über die geplanten Stückzahlen sagen?

Die werden minimal sein. Wir werden im zweiten Jahr vielleicht nicht mehr als 380 bis 400 Stück herstellen. Von der M stellen wir derzeit zwischen 16 000 und 18 000 Stück her. Insofern kann man hier sicherlich von einer Kleinserienproduktion reden. Von diesem Werktyp wird man vermutlich auch nach fünf Jahren nicht mehr als 2500 Stück pro Jahr herstellen können.

Werden diese Uhren nur über Leica zu beziehen sein?

Das Besondere an Leica im Vergleich zu den anderen Herstellern in diesem Bereich ist ja, dass Leica eigenes Retail hat. Das heißt, die Markteinführung erfolgt nur auf diesem Weg über einige ausgewählte Leica Stores. Die werden im Laufe des Jahres qualifiziert werden.

Wo sehen Sie die Verbindung zwischen Zeit und Fotografie?

Gute Frage! Aber nicht einfach zu beantworten. Vielleicht so: Ein Schnappschuss ist ein Versuch, die Zeit festzuhalten. Eine Uhr kann das nicht. Bei der ambitionierten Fotografie geht es über den Schnappschuss, über das bloße Festhalten der Zeit hinaus – um Kunst. Das ist etwas anderes als Zeit zu messen, zu strukturieren. Fotografie lässt Zeit erstarren, eine Uhr ermöglicht es, den Zeitfluss einzuteilen.

Warum ist die Lehmann Präzision GmbH der richtige Partner für Leica?

Markus Lehmann ist einerseits der klassische industrielle Tüftler und andererseits ein Uhrenbegeisterter. Das ist eine ungewöhnliche Kombination. Zum einen stellt er unglaubliche Maschinen für die Uhren-, aber auch für die Kameraindustrie her. Für das sogenannte Zentrierdrehen bei der Objektivproduktion, da sind zum Teil bei uns Lehmann-Maschinen im Einsatz. Ganz ausgefeilte Maschinen, um asphärische Linsen durch das Eindrehen in die Fassung korrekt zu zentrieren. Sein Hauptabsatzgebiet ist aber die Uhrenindustrie. Da baut er sehr komplexe Maschinen, fast hin bis zum Vollautomaten.

Einerseits ist er Zulieferer von Maschinen für die Uhrenindustrie, andererseits selbst Uhrmacher. Hinzu kommt, dass er Schwabe ist, „saugenau“ und mit den Eigenheiten des Schwaben: Wenn er tüftelt, darf man ihn nicht stören. Wir helfen Markus Lehmann beim Aufbau einer Spezialgalvanik, damit wir bei den Ziffernblättern ebenfalls unabhängiger werden. Dort besteht das Problem nämlich darin, dass das Aussehen einer Uhr zu 80 Prozent vom Ziffernblatt bestimmt wird – die Designaufgabe für die Leica Uhren!

Alles in allem war es ein sehr langer, fordernder Prozess, aber ich glaube, unsere künftigen Uhrenkunden und wir können mit Freude auf die entstandenen Produkte blicken: Uhrenprodukte von Leitz Wetzlar. Für mich schließt sich fast der Kreis, denn Ernst Leitz war nach seiner Lehre in Pforzheim ja zunächst in der Schweizer Uhrenindustrie tätig, bevor er 1864 nach Wetzlar kam!

Dr. Andreas Kaufmann - Der Aufsichtsratsvorsitzende der Leica Camera AG realisiert eine Idee, die schon lange in der Luft lag: die Fertigung hochwertiger mechanischer Uhren.