Design

Achim Heine skizziert im Gespräch die Herausforderungen bei der Uhrengestaltung im Leica Kontext.

Herr Heine, Sie haben bisher Kameras und Ferngläser für Leica entworfen. War diese Erfahrung hilfreich für die Gestaltung der neuen Leica Uhren?

Es war auf jeden Fall eine gute Basis, dass ich die Marke Leica und ihre Produkte schon sehr lange kenne. 1999 habe ich die erste Kamera für Leica gestaltet, die Leica C1, eine Kompaktkamera. Es folgten die C2 und C3, die Leica CM und CM Zoom, die Digilux-Serie, die Leica D-Lux sowie die Ultravid-Fernglasmodelle. Das heißt, ich bin schon sehr vertraut mit der Marke und ihren Facetten.

Aber Uhren sind ja nun eine völlig andere Produktkategorie?

Ja, die Marke Leica steht zunächst einmal für Kameras und Sportoptik. Da musste ich zunächst herausfinden, wo es Verbindungen zum Thema Uhren gibt und vor allem, wo man sich bei der Entwicklung und dem Design einer Leica Uhr inspirieren lassen kann.

Und was genau hat Sie inspiriert?

Ich bin der Meinung, dass Uhren sehr gut zu Leica passen. Auf der einen Seite ist Leica ein Unternehmen, das schon immer für Exzellenz und mechanische Perfektion steht – ein guter Ausgangspunkt für die Entwicklung einer sehr komplexen mechanischen Uhr. Auf der anderen Seite spielt das Thema Zeit bei der Fotografie eine große Rolle. Die Belichtungszeit ist essenziell für das gelingen jeder Fotografie. Oder das kleine Uhrwerk, das sich in Form des Selbstauslösers in den klassischen Leicas befindet. Das muss zwar nur 10 Sekunden und nicht einen ganzen Tag oder eine Woche lang laufen, aber die Basis ist die gleiche: eine Zeitspanne mit Hilfe von Mechanik zu messen. Daher gab es neben der technischen Exzellenz auch schon eine funktionale Verbindung zu den Kameras.

Eine Uhr ist nicht nur ein funktionales instrument zum Messen der Zeit — sie ist immer auch ein Stück Schmuck, ein Statement.

Welche Gestaltungsprinzipien betrachten Sie als essenziell für die neuen Leica Uhren?

Die Leica Produkte der vergangenen 100 Jahre sind sehr puristisch und besitzen viele interessante geometrische Details. Das war für mich schon immer sehr inspirierend. Auch in der Zeit, als ich Kameras für Leica gestaltet habe. Bei der Entwicklung der Uhren war ich mir von Anfang darüber im Klaren, dass es eine enge Verbindung zwischen diesen Kameradetails mit ihrer klaren Geometrie und den Uhren geben muss.

Welche Bedeutung werden die Uhren Ihrer Meinung nach in der Leica Welt haben?

Uhren sind ja eine neue Produktkategorie für Leica. Da muss man sehr genau abwägen, wie man sie positioniert. Das Besondere ist hier, dass wir nicht einfach ein vorhandenes Werk adaptieren. Andreas Kaufmann hatte sich vorgenommen, eine komplett eigene Leica Uhr zu entwickeln, also eine echte Innovation auf dem Uhrenmarkt zu platzieren. Er ist ja selbst ein Uhrenbegeisterter und war davon überzeugt, dass Leica mit seiner technischen Perfektion und als Marke in diesem Bereich etwas Besonderes leisten kann. Das heißt, dass die Uhren eine eigene Sparte bei Leica begründen und nicht nur als Anhang der Kameraproduktion gesehen werden. Auf der anderen Seite dürfen sie sich auch nicht zu weit weg von den anderen Produkten bewegen, sie sollen ja schließlich ein Familienmitglied der Marke mit vielen Ähnlichkeiten und Verbindungen, aber auch klaren Unterschieden sein.

Ist es schwieriger, eine Kamera oder eine Uhr zu gestalten?

Ich habe schon viele Produkte entworfen, aber die Gestaltung von Uhren ist nicht einfach, man muss unendlich viele Entscheidungen treffen, die sich natürlich alle auf das geplante Gesamtbild der Uhr auswirken sollen. Das Material, die Oberflächen, Farben, die Bedienelemente und ihre Formen und Strukturen, Zeiger, Appliken, Indexe, Typografie, Ziffernblatt und Glas, um nur einige zu nennen, machen den Designprozess extrem komplex. Und jede dieser Entscheidungen hat am Ende Auswirkungen auf die Persönlichkeit des Produkts. Ich habe viel mit Andreas Kaufmann diskutiert, welche Elemente, auch welche Funktionalitäten und Innovationen passend für dieses neue Leica Produkt sein könnten. Und dann kam Markus Lehmann dazu, ein Unternehmer aus dem Schwarzwald, der nicht nur die wahrscheinlich besten Maschinen für die Uhrenindustrie herstellt, sondern auch eigene hochwertige Armbanduhren produziert. Ihn konnte Andreas Kaufmann für eine enge Kooperation gewinnen. Und so war es zusammen mit Markus Lehmann möglich, realistisch über ganz neue und ungewöhnliche Funktionalitäten nachzudenken, um zu schauen, wo die Leica Uhr auch funktional etwas Besonderes zu bieten haben könnte.

Welche funktionalen Besonderheiten sind das?

Gemeinsam mit Markus Lehmann haben wir die Idee der Drückerkrone ausdifferenziert und vertieft, eine Krone, die nicht wie bei den üblichen Kronen die Uhr anhält und einstellbar macht, wenn man sie herauszieht. Bei der Leica Uhr muss man auf die Krone drücken, ähnlich wie beim Auslöser einer Kamera. Die Uhr hält in diesem Moment an und der Sekundenzeiger springt auf die Null. Ein erneuter Druck lässt sie wieder starten. Das ist ein höchst ungewöhnliches Detail, das meines Erachtens sehr gut zu Leica passt.

Wurde die Leica Uhr für eine besondere Zielgruppe entwickelt?

Es sind natürlich die vielen Leica Fans weltweit, die Präzision, deutsches Design und Made in Germany lieben. Für mich war der Gestaltungsprozess immer eine Gratwanderung zwischen dem eher funktionalen Kameradesign und dem Design einer Uhr, die immer auch ein Schmuckstück ist. Eine Uhr ist nicht nur ein funktionales Instrument zur Zeitmessung, ein analoges Meisterwerk mit mikroskopisch kleiner, aber trotzdem robuster Mechanik – sie ist auch Schmuck, mit dem man seine Persönlichkeit unterstreichen kann. Trage ich eine Leica Uhr, dann ist das ein Statement. Ich zeige, dass mir technische Exzellenz etwas bedeutet.

Wie stark tritt die Marke Leica dabei in den Vordergrund?

Das war von Anfang an für mich eine extrem wichtige Frage: Wie nah darf die Leica Uhr an die Marke und den roten Leica Punkt heranrücken? Hinsichtlich der Marke war mir nach verschiedenen Experimenten schnell klar, dass ich sie nicht mit dem roten Punkt und dem typischen Leica Schriftzug in Schreibschrift auf dem Ziffernblatt darstellen will. Sobald ich den Leica Punkt auf die Uhr gesetzt habe, drängte sie das in Richtung Kamera und sie verlor damit ein Stück weit ihre Autonomie als eigenständiges Produkt. Ich habe lange nach einer Alternative gesucht, die ihr Fundament in der Leica Geschichte hat. Gefunden habe ich sie auf der Deckkappe der Leica M6, auf der der Name der Marke in einer versalen Schreibweise auftauchte. Diese Schrift habe ich übernommen und sie um die weiteren Buchstaben sowie Zahlen im selben Stil erweitert, um sie nicht nur für die Marke Leica auf dem Ziffernblatt und den Zusatz des Ortes Wetzlar verwenden zu können, sondern auch für alle anderen Beschriftungen auf dem Ziffernblatt und dem Boden der Uhr.

Ebenso verhielt es sich mit den Details der Leica Uhr: Inspiration holte ich mir aus der grandiosen Geschichte der Marke und den gestalterischen Details der Produkte, die ich aber nicht identisch verwendet, sondern in ihrer geometrischen Formensprache weiterentwickelt habe. So sind die Zeiger und Appliken einer klaren Geometrie verpflichtet, immer aber unter der Prämisse, dass sie ihren Detailreichtum und ihre Filigranität in Form von Lichtreflexen, dem Spiel verschiedener Oberflächen etc. zeigen. Die Feinheit der Zeiger und der Indexe, die Riffelungen der Bedienelemente und deren Oberflächen im Kontrast zur kräftigen Seitenlinie des Gehäuses, das seine Anregung von der Deckkappe der Kamera bezieht, sowie ein stark bombiertes Uhrenglas, das möglicherweise an die Frontlinse eines Objektivs erinnert. Ich habe versucht, eine Balance zwischen Nähe und Ferne zu den Kameras zu entwickeln, aber eines war mir immer wichtig: Im Prinzip spricht jedes kleinste Detail der Uhr die Sprache Leica.

Achim Heine ist Professor für Produktgestaltung an der Universität der Künste Berlin. Für Leica entwarf er zwischen 1999 und 2008 zahlreiche Kameras und Ferngläser.